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[3] Klimawandel: halb so wild, alles beherrschbar?

„Klimawandel“ – ist das nicht ein recht konstruiertes Problem? Mal ist der Sommer zu heiß, mal gibt’s keinen Schnee im Winter, mal stürmt es –das gab‘s früher auch schon. Klimawandel? Jetzt doch nicht. Vielleicht 2100. So redeten nicht nur die Herrschaften vom Bürgerverein (siehe [2] „Hitze in der Green City“: Freiburg 2013), so redeten meine Nachbarn und meine Kollegen in Freiburg. Ich arbeitete damals bei einem Freiburger Bauprojektentwickler und leitete Bauherrengruppen, die gemeinsam ein Passivhaus planten – die also ein Bewusstsein für das Klimaproblem haben sollten. Dachte ich. Die grüne Pionierphase war in Freiburg zu diesem Zeitpunkt aber schon vorbei. Passivhausstandard galt inzwischen als normal, und jetzt bauten die Leute, die etwas „werthaltiges“ haben wollten. „Klima“ war ihnen herzlich egal.

Ich kam mir mit meiner Klima-Besorgnis also recht exotisch vor. Da das Ende der Firma meines Arbeitgebers bereits dämmerte, hatte ich mich schon nach einer neuen Aufgabe umgeschaut und das Thema „Anpassung an den Klimawandel“ entdeckt (das mich schließlich auch in die Mooswalder Bürgerversammlung geführt hatte). Hier schien es Bedarf an sinnvoller gesellschaftlicher Arbeit zu geben, die von der Bundesregierung auch bezahlt wurde. „Förderung von Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel“ hieß das Programm des Umweltministeriums. Es winkten 200 000,- Euro für zwei Jahre. Ich wollte zusammen mit einem Freiburger Institut ein Bildungsangebot für Kommunen entwickeln.

Dies führte mich auf eine Reihe von Fachkonferenzen und an besondere Orte:

  • Das Climate Service Center in Hamburg, das sich auf Anpassung an den Klimawandel („Klimaanpassung“) in Deutschland konzentrierte und im vornehmen Chilehaus in Hamburg residierte.1
  • Das Potsdamer Institut für Klimaforschung, das die Destabilisierung des Klimas erforschte und Maßnahmen dagegen („Klimaschutz“).2
  • Das Verkehrsministerium in Berlin, dem damals noch der Bereich Bauen und Stadtentwicklung zugeordnet war3; es widmete sich der Politik einer Anpassung an ein anderes Klima. Hierzu hatte es gleich vier Forschungsförderungsprogramme aufgelegt4 und veranstaltete nun Konferenzen mit Namen „StadtklimaExWoSt“5 und „Klimawandel in Stadt und Region“ 6 .

Auf diesen Konferenzen erklärten eifrige Wissenschaftler die überladenen Poster ihren Förderern aus dem Ministerium: „Immobilien- und wohnungswirtschaftliche Strategien und Potenziale zum Klimawandel“ und „Risikoabschätzung der zukünftigen Klimafolgen in der Immobilien- und Wohnungswirtschaft“, und wie die Forschungsvorhaben alle hießen. Es spielte das Trio „Jazz à la carte“, oder das Kabarett „Wurscht und Wichtig“. Ein Fotograf dokumentierte fleißig.

Im Großen und Ganzen gingen die Fachleute in dieser „Anpassung-Community“ von Szenarien aus, in denen die Sommer trockener und periodisch viel heißer sein würde. Im Winter regnete es dafür mehr. Es würde früher Frühling, aber auch Blüten-vernichtende Spätfröste geben. Dazu ab und zu eine Sturzflut und einen Orkan. So die Prognose für die meisten Gegenden Deutschlands, auch für Südbaden. Dann hätten die Älteren ein Problem mit der Hitze, Ärzte mit Malaria und Denguefieber, Winzer mit Schildläusen und Mönchszikaden, Gemüsebauern mit Spätfrösten und Hitzeschäden in Gewächshäusern, die Gemeindeverwaltungen mit vollgelaufenen Kellern, Hausbesitzern mit Wertverlusten, wenn die neuen Hochwassergefahrenkarten mal jemand ernst nimmt, Industriegebiete mit Flutschäden, die Kraftwerke mit zu wenig und zu warmem Fluss-Kühlwasser, Wuppertal mit Sturzfluten von den Hängen, die ein Auto die Straße hinunter spülen könnten wie eine Zigarettenkippe in der Toilettenschüssel, und die Skihotels im Schwarzwald bauten ohnehin schon Wellnessbereiche an.

Probleme hätten also eigentlich alle. Aber dagegen kann man was tun: ein Rückhaltedamm hier, eine neue Weinsorte dort und der Königsweg für die Stadt sind bewirtschaftete Grünflächen, die die Hitze dämpfen. Alles beherrschbar.

So mancher Beamte, mit dem ich in den Fluren oder beim Buffet plauderte, hielt das Klimaproblem auch für gar keines. Bei einer Regionalkonferenz zur Klimaanpassung in Karlsruhe kam ich in der Pause mit einem Stuttgarter Abteilungsleiter ins Gespräch, der sich aufregte: „Klimaerwärmung? Wenn die kommt, dann häng ich sofort meine Stelle an den Nagel, kauf einen Eiswagen und mach mich selbständig“, sein Programmheft landete auf dem Boden, „Sinnvoller, als hier rumzustehen. Tu ich nur, weil sie mich hinbeordert haben. Das ist doch alles Quatsch.“

Und genau dies ist beim Klimawandel – es hat sich noch nicht mal ein angemessener Namen dafür durchgesetzt7 – das Problem. Man nimmt ihn nicht wahr, man nimmt ihn nicht ernst. Es gibt ihn in der Zeitung, es gibt ihn im Fernsehen. Im Netz findet man viel Richtiges und auch viel Falsches, die Lage ist so verwirrend, dass nicht einmal führende Politiker unseres Landes durchblicken8.

Es ist Zeit, das aufzudröseln. Ich fange bei ein paar Grundbegriffen an: Wetter – Klima – Klimawandel.

Weiterlesen: [4] Orkan und Sintflutregen: Klimawandel oder einfach Wetterpech?


1. GERISC, wohl das renommierteste, was Deutschland auf diesem Gebiet hat.

2. PIK, wohl das renommierteste, was Deutschland auf jenem Gebiet hat.

3. „BMVBS“. Im Dezember 2013 verlor das Bundesministerium für Verkehr den Bereich Bau und Stadtentwicklung „BS“ an das Umweltministerium (und bekam dafür die Digitale Infrastruktur „I“; neu also BMVI).

4. StadtKlimaExWoSt, ImmoKlimaExWoSt, ImmoriskExWoSt und KlimaMORO. ExWoSt = Experimenteller Wohnungs- und Städtebau, MORO = Modellvorhaben der Raumordnung.

5. „Klimawandelgerechte Stadtentwicklung in der Praxis. Ergebnisse aus dem ExWoSt-Forschungsschwerpunkt StadtKlima“, Oktober 2012.

6. Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung (2014): Klimawandel in Stadt und Region – Ergebnisse aus den Forschungsfeldern ImmoKlima/ImmoRisk, StadtKlima ud KlimaMORO. Dokumentation Klimakonferenz 2014.

7. Klimawandel ist ein viel zu schwaches Wort, aber leider eingeführt. „Climate Breakdown“ schlägt der britische Journalist George Monbiot vor. Wie übersetzen? Klimachaos – nicht seriös, Klimakollaps, Klimakatastrophe – schlicht falsch, die Verschlechterung ist ja schleichend. Ich bemühe mich ab jetzt, angemessenere Begriffe zu verwenden.

8. Die Verhandler und Verhandlerinnen der Grünen Partei bei den Jamaika-Sondierungsgesprächen äußerten sich entsetzt, dass sie anderen Spitzenpolitikern grundlegende Erkenntnisse der Klimawissenschaft noch erklären mussten (persönliche Information).


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