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[11] Klima-Kettenreaktion

Während ich mich mit der Anpassungs-Planung an ein instabiles Klima beschäftigte (siehe [3] Klimawandel: halb so wild, alles beherrschbar?), dämmerte mir, dass Klima-Anpassung auch völlig umsonst sein konnte. Ich war auf einer Konferenz in Potsdam. Organisiert hatte sie das Climate Service Center (GERICS)1. Zu Gast waren wir beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)2. Hier trafen beide Klimaexperten-Kulturen aufeinander:
a) die „Anpassungs-Community“ um das GERICS, ein überschaubarer Kreis von Stadt/Regionalplanern und Wissenschaftlern aus Forschungsinstituten und Beamten in Ministerien, und
b) die Klimaforscher vom PIK und andere, die untersuchten, was uns von einem instabiler werdenden Klima droht.

Als während einer Podiumsdiskussion jemand im Publikum das Wort ergriff, um wieder einmal die Wichtigkeit von Anpassungsmaßnahmen zu betonen – „Wir müssen die Handelswege, die Schifffahrt, die Häfen robuster machen!“ – platzte dem Klimaforscher Stefan Rahmstorf der Kragen: „Mehrere Meter Meeresspiegelanstieg durch das schmelzende Eis auf Grönland und, wie sich gerade herausstellt, der Westantarktis3 – da kann man sich nicht mehr geordnet anpassen! Ein unbegrenzter Klimawandel wird zu schwerwiegend sein. Ohne Begrenzung des Klimawandels wird auch die Anpassung daran schlicht unnötig!“

Die Klimawandel-Anpasser, in deren Kreisen ich mich damals bewegte, hatten sich um die Begrenzung des Klimawandels nicht besonders geschert. „Alles beherrschbar“ war stets die unausgesprochene Devise gewesen, manchmal auch „halb so wild“. Rahmstorfs unmissverständliche Feststellung wirkte da wie ein schriller Misston.

Rockström
Wenn jenseits der 2 Grad der Amazonas-Regenwald verbrennt, gelangt so viel Kohlendioxid in die Luft, dass die globalen Temperaturen um ein weiteres Grad steigen. (Bild: Prof. J. Rockström auf der 4. Jahrestagung des Climate Service Centers am 12.2.14)

Begrenzung des Klimawandels meint heute nach internationalem Verständnis: „Deutlich unter 2 Grad, möglichst 1,5 Grad“, so ist das Ziel im beschlossenen Klimaübereinkommen vereinbart, das im Dezember 2015 in Paris verbindlich beschlossen wurde.4

Warum zwei Grad?

Kurz: Bei maximal 2 Grad bleiben die Veränderungen durch Flutkatastrophen, Dürren und Meeresspiegel-Anstieg wohl noch beherrschbar. Jenseits der 2 Grad geraten die Dinge sehr wahrscheinlich außer Kontrolle. Besser sind aber 1,5 Grad, denn schon vorher gibt es bedrohliche Naturumwälzungen. Zur Orientierung: Wir waren 2014 bis 2017 bei 1 bis 1,2 Grad globaler Durchschnittstemperatur.

Außer Kontrolle geraten die Veränderungen, wenn sie a) (erst einmal) nicht mehr rückgängig zu machen sind, also eine eigene Dynamik entwickeln wie ein Benzin-Tanklaster auf der Autobahn, der die Leitplanke vor dem Steilabhang durchbrochen hat. Gletscher in der Antarktis scheinen diese Tendenz zu haben. Dies nennt man Klima-Kipppunkte. Besonders unheilvoll sind sie, wenn sie b) die Klima-Destabilisierung beschleunigen, eine „positive Rückkoppelung“ bewirken.

Was passiert, bevor die 2 Grad erreicht sind?

Hier sind zwei Beispiele für Klima-Kipppunkte, die schon begonnen haben:

  • Die gefrorenen „Dauerfrost“-Böden in der russischen und kanadischen Taiga tauen immer tiefer auf, was mehr und mehr Methan freisetzt. Einen hübschen Effekt kann man in Filmschnipseln auf YouTube bewundern, wo Leute ins Eis pieksen und dann ein Feuerzeug dranhalten: Eine Stichflamme, ein kleines Wumm.5 Nebenbei ist Methan auch ein 25 Mal stärkeres Klimagift als Kohlendioxid, zumindest mittelfristig.
  • Das Eis auf dem Nordpolarmeer schmilzt. Das führt dazu, dass weniger weiße Schneefläche da ist, welche Sonnenstrahlen ins All zurückspiegelt, dafür mehr dunkelgrünes Polarmeerwasser, dass die Strahlen schluckt und sich erwärmt – jetzt schon zu beobachten. Tatsächlich schmolz das Eis auf dem Polarmeer viel schneller, als die Klimawissenschaftler vorausberechnet hatten. Und 2012 kippte Grönland plötzlich von einer globalen Kältemaschine, die mit ihrer strahlend weißen Schneeoberfläche die wärmenden Sonnenstrahlen ins All reflektierte, zur globalen Heizung. Der Schnee war getaut, die dunklere Eisfläche saugte in nur zwei Wochen wärmende Strahlen in der Größenordnung von 300 Exajoules ein, und schmolz natürlich noch schneller. Zum Vergleich: der Welt-Energieverbrauch der Menschheit beträgt 600 Exajoules pro Jahr.6

Was passiert jenseits der 2 Grad?

Der gigantische Amazonas-Regenwald trocknet wahrscheinlich so weit aus, dass er in Flammen aufgeht. Dies ist ein besonders verhängnisvoller „Klimakipp-Punkt“. Die Menge an Kohlendioxid, die bei diesen Giga-Waldbränden in die Atmosphäre raucht, reicht gleich für ein weiteres Grad globalen Temperaturanstieg7. Warnzeichen gibt es schon: 2005, 2010 und 2015 gab es „noch-nie-dagewesene“ Trockenperioden, und Regenwaldflächen brannten.

Von diesen Kipp-Punkten jenseits der 2 Grad-Erwärmung gibt es noch eine ganze Reihe mehr, bis zur plötzlichen Auflösung der Methanhydrat-Vorkommen bei 6 Grad, wenn die die Tiefen der Meere warm genug geworden sind. In Ozeansedimenten auf dem Grund vieler Kontinentalschelfe lagern zwölf Billionen Tonnen. Das hochentzündliche Methan kommt dann in Riesen-Blasen an die Oberfläche, ein Blitz: ein globales WUMM! – das könnte tatsächlich das Ende der letzten Menschen sein, die bis dorthin durchgehalten haben.8

In Kapitel 1 habe ich das Klimaproblem beschrieben und einige Folgen und Gefahren des Klimawandels erläutert, wie Kipppunkte und positive Rückkopplung. In Kapitel 2, ab Beitrag [13] (in Arbeit) werde ich die Ursachen des Klimaproblems erklären und Treibhausgas – Kohlendioxid, Methan, Lachgas und weitere – beschreiben.

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1. Das renommierteste, was Deutschland auf diesem Gebiet hat.

2. Das renommierteste, was Deutschland auf jenem Gebiet hat.

3. Die drohende Destabilisierung großer Gletscherflächen auch im Osten der Antarktis war damals – im Februar 2014 – noch nicht allgemein bekannt.

4. PARIS AGREEMENT, beschlossener Text: www.unfccc.int/resource/docs/2015/cop21/eng/l09r01.pdf , abgerufen 13.2.18. Das Ziel steht im Artikel 2, Absatz 1.(a).
Inzwischen sind ALLE beigetreten: 195 Nationen (je nach Anerkennung gibt es auf der Welt ein paar mehr oder weniger). Noch nicht alle haben ratifiziert (Stand Februar 2018). Leider hat eine Gruppe Klimaleugner durchgesetzt, dass „The Real Donald Trump“ den Ausstieg der USA einleitet. Formal vollzogen wird dies in Trumps ersten vier Jahren wohl nicht mehr.

5. YouTube-Schnipsel von Methan-Wumms: Hier: https://www.youtube.com/watch?v=FM0hczFNDZI, hier: https://www.youtube.com/watch?v=iJQzyBqZeZc oder hier: https://www.youtube.com/watch?v=66t7Qhi7KPg

6. Vortrag J. Rockström, 4 Jahrestagung des Climate Service Center, 12.-13. 2.14, eigene Notizen und https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&ved=0ahUKEwiXw43mzqLZAhXFjiwKHQ4iApQQFgg2MAE&url=http%3A%2F%2Fwww.climate-service-center.de%2Fimperia%2Fmd%2Fcontent%2Fcsc%2Fj%2Fcsc_jt2014_rockstroem.pdf&usg=AOvVaw1-MyDBL_i-VBW9s0jLBj_j, Folie „Greenland Ice Sheet Albedo“, abgerufen 13.2.18.

7. Mark Lynas (2008) Six Degrees: Our Future On A Hotter Planet, National Geographic Society. Ein Klassiker. Lynas hat darin existierende wissenschaftliche Studien nach Grad des Temperaturanstiegs von 1 Grad bis 6 Grad sortiert und packend beschrieben. Einen Überblick gibt die 2016 aktualisierte Zusammenfassung von Doc Snow (http://hubpages.com/@doc-snow ): https://letterpile.com/books/Mark-Lynass-Six-Degrees-A-Summary-Review
Nicht verschweigen will ich, dass Mark Lynas später in die Kritik geriet, weil er plötzlich GenTech gut fand. Seinen Namen fand ich auch als Unterzeichner eines „Ecomodernistischen Manifests“ von 2015, somit findet er auch Atomkraft akzeptabel. Sei es drum; ein gutes Buch ist Six Degrees trotzdem.

8. Mark Lynas (2008) Six Degrees


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